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Painting of Maestoso II Catrina ridden by Shana Ritter. Painting by Janey Belozer.




Thomas and Shana Ritter perform a Pas-de-Deux to Music during the 2007 Open House Performance, aboard the Lipizzan stallions, Favory Toscana-18 and Conversano Mima. Photo by Amelia Gagliano.

Die Zeitpunkte der Hilfengebung
- by Dr. Thomas Ritter

©2005 - All Rights Reserved
English version: Timing and Coordination of the Aids

Wie das Zitat beweist, ist es schon seit langer Zeit in der Reiterwelt bekannt, daß es bestimmte Momente gibt, in denen eine Hilfe besser durchgeht als in anderen. Der Grund hierfür ist, daß der Reiter dem um so viel schwereren und stärkeren Pferd seinen Willen nicht mit Gewalt aufzwingen kann – obwohl ungebildete, nicht denkende Reiter dies immer wieder versuchen. Die einzige

Einwirkungsmöglichkeit, die dem Reiter zur Verfügung steht, ist die natürliche Bewegung des Pferdes mit seinen Hilfen zu begleiten und zu unterstützen und bestimmte Aspekte der Bewegung vermehrt hervorzuheben, indem er sich in günstigen Momenten die natürlichen Muskelreflexe des Pferdes, die gemeinsame Masse von Reiter und Pferd in der Bewegung, die Hebelwirkung des Reiteroberkörpers, des Pferdehalses und –kopfes und vor allem die bereitwillige Intelligenz des Pferdes, die viel größer ist als vielerorts angenommen (Die Intelligenz des Pferdes erscheint mir oft größer als die vieler Menschen), zunutze macht.

Zumindest seit William Cavendish, des Herzogs von Newcastle, dessen Buch in der Mitte des 17. Jahrhunderts erschien, war es der Reiterwelt bekannt, daß der Erfolg oder Mißerfolg der physischen Reiterhilfen von ihrer Übereinstimmung mit der Fußfolge des Pferdes abhängt, wie das folgende Zitat beweist:

“Niemand wird einig Pferd vollkommen dressiren können, woferne er nicht beydes, einen genauen Verstand von ihren natürlichen Gängen, Erheb-, Führ-, und Niedersetzung derer Schencklen, als auch eine große Erkänntnus von denenjenigen, so von der Kunst herrühren, hat.
Es ist eine sehr allgemeine Regul, daß die Kunst niemals der Natur zuwider seye, sondern selbiger vielmehr nachfolgen, und sie in Ordnung bringen solle.“

William Cavendish, Herzog von Newcastle, Die neueste Lehr-Art und besondere Erfindung die Pferde zu dressiren (1729, 163f.)

Während die Meister der Reitkunst sich immer über die Bedeutung des theoretischen Studiums im Klaren waren, scheint es zu allen Zeiten daneben auch Reiter gegeben haben, die sich nicht die Mühe machen wollten, die theoretischen Grundlagen der Reitkunst zu studieren, (Die allgemeine Einstellung ist: "Man reitet mit dem Hintern, nicht mit dem Kopf!?"), was De la Guérinière dazu führte, sich zu beklagen (Ecole de Cavalerie, 1733, in: 2000, 10):

"Alle Wissenschaften und Künste haben Grundsätze und Regeln, durch die man Erkenntnisse gewinnt, die zur Vervollkommnung führen. Nur die Reitkunst scheint eine bloße Übungssache zu sein.
In Wirklichkeit ist Reiten ohne theoretische Grundlage eine rein mechanische Angelegenheit, deren ganzer Erfolg in einer gezwungenen und unsicheren Ausführung besteht. Es ist ein falscher Glanz, der Halbkenner blendet, die mehr durch die Ausstrahlung eines Pferdes als durch das Können des Reiters beeindruckt werden. Daher erklärt sich auch die geringe Zahl gut ausgebildeter Pferde und das geringe Können, das man gegenwärtig bei den meisten feststellt, die sich als Reiter bezeichnen."

De la Guérinière's Worte haben durch die Jahrhunderte nichts von ihrer Wahrheit verloren. Zum Glück gab es jedoch zu allen Zeiten denkende Reiter, die die wissenschaftlichen Grundlagen der Reitkunst studierten und sich der Mühe unterzogen, ihre theoretischen Erkenntnisse und praktischen Erfahrungen der Nachwelt aufzubewahren. Ihre Bücher machen dem interessierten Leser einen großen Wissensschatz zugänglich.

Die Reiterhilfen sind ein rhythmisches Strukturierungsmittel für die Fußfolge des Pferdes, welches einzelne Aspekte jeden Schrittes, Trittes oder Sprunges je nach Bedarf akzentuieren, vergrößern oder verringern kann. Der richtige Moment für Anwendung jeder Hilfe wird dem Reiter vom Pferd selbst durch das Auf- und Abfußen der vier Pferdebeine, durch das seitliche Pendeln des Brustkorbs und der Auf- und Abwölbung des Rückens angedeutet.

Als Faustregel kann gelten, daß der Reiter die Bewgungsrichtung eines Pferdebeines beeinflussen kann, wenn es in der Luft ist, und dass er es andererseits in den Boden drücken, es quasi mit dem Boden verbinden kann, wenn es die Last stützt.

Das Becken des Reiters ist mit dem Becken des Pferdes verbunden. Die Bewegung der Pferdehüften teilt sich den Gesäßknochen des Reiters mit. Wenn ein Hinterbein auffußt und die Last übernimmt, wird das Reiterbecken ein wenig im Sattel gegen den Hinterzwiesel zurückgezogen. Dies wird im Schritt am meisten fühlbar. Gleichzeitig fühlt der Reiter einen leisen Stoß unter dem Gesäßknochen der selben Seite, da die Pferdehüfte sich hebt, wenn der Hinterfuß auftritt. Der Reiter fühlt im selben Moment einen Pulsschlag im gleichseitigen Zügel. Man kann ebenso eine leichte Erschütterung im Steigbügel der selben Seite fühlen.

Die kurze Zeitspanne zwischen dem Auffußen des Hinterfußes und seines Passierens der Hüftlinie ist der Moment, in welchem Hüft- und Sprunggelenk sich biegen müssen um die Last zu stützen, während das Knie sich streckt. Dies ist der geeignete Zeitpunkt für die Erteilung der halben Parade, da der Zweck der halben Parade darin besteht, die Hankengelenke vermehrt zu biegen, um entweder in eine niedrigere Gangart über zu gehen, das Tempo zu verlangsamen, oder um das Gleichgewicht des Pferdes zu verbessern. Der Reiter kann nun dieses Gefühl des leichten Zurücksinkens seiner Gesäßknochen verstärken, wenn er die halbe Parade mittels eines Zügelanzuges ausführt.

Wenn das Reiterbecken im Sattel nach vorne gezogen wird, hat der gleichseitige Hinterfuß gerade die Senkrechte passiert und schiebt nun die Last vorwärts. Die Hüfte und das Sprunggelenk dehnen sich, während das Kniegelenk sich biegt. Der Reiter fühlt dies am deutlichsten im Schritt und in der zweiten Phase des Galoppsprunges, wenn der innere Hinterfuß und der äußere Vorderfuß gemeinsam auffußen. Dies ist der Moment, in dem die treibende Kreuzhilfe erfolgreich gegeben werden kann, um den Hinterfuß zum vermehrten Schieben anzuhalten oder die Tritte zu verlängern.

Das Reiterbecken ist auch mit dem Brustkorb und dem Becken des Pferdes verbunden, in dem Sinne, daß der Reiter das Pferd durch eine Drehung seines Beckens biegen und wenden kann, da das Pferd – zumindest das mehr oder weniger abgestimmte Pferd – versuchen wird, sich mit seinem Brustkorb und Becken der Stellung des Reiterbeckens anzupassen. Seitengänge werden ebenfalls mit einer Drehung des Reiterbeckens als Kernstück der Hilfen geritten, während Zügel und Schenkel eine unterstützende Rolle spielen.

Die Schenkel des Reiters sind mit den Bauchmuskeln und Hinterbeinen des Pferdes verbunden. Ihnen teilt sich die Pendelschwingung des Brustkorbes des Pferdes mit, was man am deutlichsten im Schritt fühlen kann, obwohl sie auch im Trab vorhanden ist. Der Brustkorb des Pferdes schwingt nach der Seite, auf der das Hinterbein aufgefußt hat und die Last stützt und weiterschiebt. Er entfernt sich von der Seite, auf der das Hinterbein vorwärts schwingt, als er ihm Platz machen wollte. Wenn der Reiterschenkel entspannt am rechten Ort liegt, wird er die Pendelschwingung des Brustkorbes des Pferdes fühlen. Der entscheidende Moment, den es zu fühlen gilt, ist der Augenblick, in dem die Pferderippen die Wade des Reiters berühren und in die entgegengesetzte Richtung zu schwingen beginnen. Dieser Moment zeigt dem Reiter an, daß der gleichseitige Hinterfuß vollkommen hinter der Senkrechten gestreckt ist. Die Bauchmuskeln des Pferdes sind ebenfalls gestreckt und bereit, sich wieder zu kontrahieren um den Hinterfuß nach vorne zu ziehen. Das Hinterbein ist in diesem Sekundenbruchteil im Begriff abzufußen. Wenn die Reiterwade nun in eben diesem Moment die Rippen des Pferdes berührt, wird sie die ohnehin stattfindende Kontraktion der Bauchmuskulatur verstärken. Das Resultat ist ein energischerer Abschwung und ein höheres Erheben des gleichseitigen Hinterfußes, bei verbesserter Sprunggelenksbiegung.

Die Reiterschenkel sind mit den Hinterbeinen des Pferdes auch in dem Sinne verbunden, daß sie das „Spuren“ der Hinterbeine überwachen. Die Waden sollten es sogleich fühlen, wenn ein Hinterfuß von seinem vorgeschriebenen Hufschlag abweicht und ihn korrigieren, während er sich noch in der Luft befindet.

Auf seiten des Reiters ist es wichtig nicht mit den Schenkeln zu klemmen. Sonst würde das Pferd seinen Atem anhalten, seine Bauchmuskulatur anspannen, und das Schwingen des Brustkorbes sowie des Rückens würde sehr verringert. Die alten Meister pflegten zu sagen, daß der Reiter die Haare des Pferdes mit seinem Schenkel fühlen soll, daß die Reiterwade mit dem Pferde atmen soll, oder daß der Reiter die Wärme des Pferdes durch den Stiefelschaft fühlen soll. Nur ein entspannter Muskel kann effektiv kommunizieren.

Die Knie des Reiters sind mit den Vorderbeinen und den Pferdeschultern verbunden. Der Oberschenkel des Reiters macht die Bewegung der Pferdeschulter in kleinem Rahmen mit. Wenn das Schulterblatt des Pferdes vorschwingt, wird auch der gleichseitige Oberschenkel des Reiters leicht nach vorne gezogen. Wenn der Vorderfuß auftritt, senkt sich das gleichseitige Reiterknie. Der Reiter kann natürlich auf die Pferdeschulter herabsehen, doch ist es von Vorteil, wenn man den richtigen Moment erfühlen kann, ohne hinsehen zu müssen. Die Reiterkniee überwachen auch das „Spuren“ der Vorderbeine. Wenn das Pferd über eine Schulter auszufallen beginnt, fühlt der Reiter dies durch einen erhöhten Druck gegen seinen gleichseitigen Oberschenkel und sein Knie. Ein schneller, leichter Gegendruck kann die Pferdeschulter wieder geraderichten. Die Reiterkniee unterstützen ebenfalls das Kreuz in Wendungen und Seitengängen. Das äußere Knie kann beispielsweise die äußere Pferdeschulter seitwärts bewegen, wenn das äußere Vorderbein sich in der Luft befindet. Das innere Reiterknie kann ein Hereindrängen der inneren Pferdeschulter in die Wendung verhindern, sowie das äußere Knie ein Ausfallen der äußeren Schulter verhindern kann.

Wenn der Reiter alle Hilfen in harmonischer Übereinstimmung mit der Fußfolge des Pferdes erteilt, wie oben beschrieben, sind sie dem Pferde instinktiv verständlich, da sie von seinem natürlichen Bewegungsablauf abgeleitet sind, anstatt ihm zuwider zu laufen. Der Reiter muß imgleichen darauf achten, daß alle seine Hilfen die gleiche Sprache sprechen, so daß keine Widersprüche zwischen Schenkel und Kreuz, Schenkel und Hand, oder Kreuz und Hand entstehen.

Ein Reiten und ein Erteilen der Hilfen in Übereinstimmung mit natürlichen Bewegungsablauf unter Vermeidung von Widersprüchen zwischen den Hilfen beugt Mißverständnissen vor und hilft, Widerstände weitgehend zu eliminieren. Wenn dagegen der Zügel das Pferd anweist, sich nach links zu wenden, während Kreuz und Reitergewicht das Pferd rechts wenden, oder wenn die Schenkel das Pferd vortreiben, während das Kreuz die Bewegung verhindert, dann stiften diese Widersprüche zwischen den einzelnen Hilfen unnötige Verwirrung, Frustration und Zorn im Pferd.

Beim elastischen Gleichgewichtssitz, der es dem Reiter erlaubt, nicht nur den richtigen Zeitpunkt für jede Hilfe automatisch zu erfühlen, sondern auch alle Hilfen unabh änging von einander und doch in Übereinstimmung miteinander zu erteilen, muß daher die Ausbildung des Reiters beginnen, und die Zeit, die der Reiter durch seine ganze Karriere hindurch auf das Erlernen dieser Grundlagen verwendet, ist niemals als verschwendet anzusehen.

mißverstandenen und mißbrauchten Zügelhilfen sind ein integraler Bestandteil des Hilfenkreislaufs, der ohne sie nicht zustande kommen kann.





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